Wieso Ungewissheit dein Freund ist

Es gibt nur wenige Dinge, die zugleich so unerträglich und so ungefährlich sind. An erster Stelle steht dabei die Ungewissheit.

Mit dem Entstehen von Selbstbewusstsein entstand auch das Bewusstsein für Zeit – und damit die Fähigkeit, zukünftige Möglichkeiten vorauszudenken, etwa einen Stein so zu werfen, dass er die Beute trifft und abends Nahrung in der Höhle liegt.

Diese Fähigkeit brachte zweifellos Vorteile. Sie katapultierte den Homo sapiens in einem evolutionären Wimpernschlag an die Spitze der Nahrungskette. Dennoch wissen wir bis heute nicht genau, wie wir zu der Gehirngröße gelangten, die diesem neuen Status entspricht. Der entscheidende Nachteil liegt darin, dass wir für diese Spitzenstelle nicht gemacht waren: Plötzlich teilen wir dieselbe trophische Ebene mit Spitzenprädatoren, die sich ihren Platz über Millionen von Jahren erarbeitet haben.

Uns fehlen sowohl das Selbstvertrauen als auch der angeborene Sinn für Verantwortung, die diese Position verlangt – eine Position, die das Management der gesamten darunterliegenden Nahrungskette erfordert. Unabhängig von ihrer Größe, ob Frettchen oder Weißer Hai, erfüllen alle Spitzenprädatoren diese Rolle mühelos.

Nicht so der Mensch. Und dennoch sind wir entschlossen, unsere Position um jeden Preis zu behaupten. Wir sind geplagt von Unsicherheit und Angst. Wir kompensieren durch Prahlerei und Herabsetzung Andere, durch Dogmen und Kontrolle. Diese archaischen Akrobatiken vollführen wir allein, um Ungewissheit zu vermeiden.

Wir leiden an etwas, das einem Hochstaplersyndrom ähnelt – wir haben unseren gegenwärtigen Status nicht durch natürliche Selektion erreicht wie andere Arten, sondern durch Feuerstein und Dampf. Getrieben sind wir von dem Zwang, uns innerlich sicher und äußerlich abgesichert zu fühlen. Paranoid projizieren wir Gefahren und Feinde, wo keine sind, und bemühen uns zwanghaft, alles zu reparieren, zu lösen und zu verbessern, was uns begegnet.

Die Gesellschaft hat sich – sowohl durch Religion als auch durch Wissenschaft – so entwickelt, dass sie diese Sicherheiten aufrechterhält und verstärkt: Sicherheiten, die die Abwesenheit von Ungewissheit und Unsicherheit suggerieren.

Diese absolute Abneigung erscheint irrational und unangemessen, bezüglich den tatsächlichen Dimensionen des Problems. Sie verweist auf eine Hybris, die direkt proportional zu unserer Unfähigkeit ist, uns ihm wirklich zu stellen.

Und doch ist es die Ungewissheit, die Zweifel gebiert, und der Zweifel, der Wissen hervorbringt. Ein geringer Preis für Schätze wie Fortschritt und Erkenntnis. Warum also sind wir nicht bereit, die Last der Ungewissheit zu tragen?

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